Da
trat ein neuer König die Herrschaft über Ägypten an,
der Joseph nicht mehr kannte (2. Mose 1 Vers 8).
Liebe Gründungsmitglieder,
die Bundesrepublik Deutschland wurde vor 50 Jahren von einer Generation
gegründet und aufgebaut, die durch Krieg, Hunger und Not geläutert
worden war. Dr. Konrad Adenauer, der erste Kanzler unserer Republik faßte
die Atmosphäre des Anfangs in seinen Lebenserinnerungen in folgende
Worte:
"Aus der religionsfeindlichen Haltung des Nationalsozialismus
und ihren Folgen hatten wir klar erkannt, daß der Mensch für sein
Leben eine ethische Grundlage braucht. Wir faßten unsere grundsätzliche
Auffassung wie folgt zusammen:
»Die christliche Grundlage der demokratischen Union ist das absolut
Notwendige und Entscheidende. An die Stelle der materialistischen
Weltanschauung, wie wir sie unter dem Nationalsozialismus erlebt hatten,
soll wieder die christliche Weltanschauung treten; an die Stelle der
sich aus dem Materialismus ergebenden Grundsätze die Grundsätze der
christlichen Ethik. Sie sollen bestimmend sein für den Wiederaufbau des
Staates und die Abgrenzung seiner Macht, für die Rechte und Pflichten
der Einzelperson, für wirtschaftliches und soziales Leben, für das
Verhältnis der Völker zueinander.
Die christliche Wertauffassung allein gewährleistet Recht, Ordnung und
Maß, Würde und Freiheit der Person und damit eine wahre und echte
Demokratie, die sich nicht auf das formelle Geschehen im Staate beschränken
darf, sondern das Leben des einzelnen wie das der Völker tragen und
durchdringen soll.
Wir betrachten die hohe Auffassung des Christentums von der Menschenwürde,
vom Wert eines jeden einzelnen Menschen als Grundlage und Richtschnur
unserer Arbeit im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben
unseres Volkes.«"
Der letzte Bundeskanzler, der Notzeiten aus eigenem Erleben kannte,
war Dr. Helmut Kohl, der im Jahr 1990 mit dem Ministerpräsidenten der
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Michail Gorbatschow,
schwierige Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands führte und
im September 1998 vom deutschen Volk abgewählt wurde.
Die Bundestagswahl 1998 markierte eine Wende in der Geschichte
Deutschlands. Parallel zur Entwicklung unserer Republik entstand in
Deutschland bei einer im Wohlstand aufwachsenden Generation eine
Geisteshaltung, die in dieser Form bisher nicht existierte. Diese neue
Ideologie ist mit zahlreichen unterschiedlichen Namen belegt worden. Ich
wähle für diese materialistische Geistesströmung, die weite Teile
unseres Volkes erfaßt hat, die Bezeichnung "Neohumanismus".
Sie soll andeuten, daß der Mensch, sein Wille, seine Ansprüche, seine
Forderungen und seine autonomen Maßstäbe im Mittelpunkt der
Seinsgestaltung stehen. Im Gegensatz zum klassischen Humanismus, der das
Schöne und Gute, das Edle, Hilfreiche und Würdevolle in der Anlage des
Menschen zum Ideal erhob, vergöttert der Neohumanismus das Nein zu
echten Werten. Die traditionellen Tugenden sind in den Augen der
Neohumanisten verabscheuungswürdig. Das Nein zur Verteidigung von
Werten, das Nein zum neuen Leben, das Nein zur Familie, das Nein zur
Leistungsbereitschaft, das Nein zur Mitverantwortung, das Nein zu
Spitzentechnologien, schließlich das Nein zu Gott und zu seinem Sohn
Jesus Christus kennzeichnen diese Antibewegung. Der Neohumanismus dünkt
uns ein Teil von jenem mephistophelischen Geist zu sein, der stets
verneint.
Die neohumanistische Bewegung, die 1968 den langen "Marsch durch
die Institutionen" antrat, hat nach 30 Jahren ihr Ziel erreicht.
Die neue Bundesregierung ist erstmalig deutlich stärker vom
neohumanistischen Menschenbild als vom christlichen Menschenbild geprägt.
Damit sind düstere Wolken am Horizont unserer Zukunft aufgetaucht. Ein
moralischer, kultureller und wirtschaftlicher Verfall deutet sich an.
Was ist in dieser Situation zu tun?
Auch Christen sind Nutznießer unseres freiheitlichen Rechtsstaates. Im
Verlauf der Geschichte konnten Christen nicht allzu oft unbehelligt
ihres Glaubens leben. Auch Christen sollten sich für die Erhaltung
unserer demokratischen Grundordnung einsetzen. Auch Christen gilt die
Aufforderung des Propheten, "der Stadt Bestes zu suchen", in
die sie hineingestellt sind. Christen ist aufgetragen, prioritär nach
dem Gesellschaftssystem Gottes zu trachten. Dennoch sollten sie nach der
Bedeutung des Jesuswortes "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist" fragen. Die Obrigkeit ist heute die von den Bürgern gewählte
Regierung. Unser Staat braucht nicht nur die Steuern seiner Bürger,
sondern auch die aktive Mitarbeit an der Gestaltung unseres
Gemeinwesens.
In Deutschland gibt es viele an christlichen Werten orientierte Bürger.
Wir dürfen uns durch das Schlagwort vom Wandel der Gesellschaft nicht täuschen
lassen. Die Grundwerte der menschlichen Gesellschaft wurden nicht von
Menschen erdacht, sondern von ihrem Schöpfer vorgegeben. Sie sind
deshalb nicht wandelbar. Die werteorientierten Menschen unserer Zeit
sind durch Beruf, Familie und gemeinnützige Tätigkeiten ausgelastet.
Sie treten deshalb in der Öffentlichkeit nur wenig in Erscheinung.
Viele von ihnen sind vereinzelt. Daraus ergibt sich das erste Ziel des
IAVG: Pflege von Kontakten.
Das kritische Nachdenken zahlreicher Zeitgenossen ist durch das
Fernsehen gelähmt. Viele können reelle und virtuelle Bilder nicht mehr
voneinander unterscheiden. Daraus ergibt sich eine weitere Aufgabe des
IAVG: Aufbereitung von Informationen.
Das Übermaß an Daten und Nachrichten führt zur Verwirrung der Bevölkerung.
Diese Verwirrung wird von etlichen Medienredakteuren zur
Meinungsmanipulation ausgenützt. Damit entsteht eine dritte Aufgabe für
den IAVG: Bereitstellung zuverlässiger Informationen.
Zahlreiche Bürger klagen darüber, daß ihre Meinung bei
Verantwortungsträgern auf kein Interesse stößt. Hieraus ergibt sich
als Aufgabe für den IAVG: Forum für Meinungsäußerung.
Von entscheidender Bedeutung für das Funktionieren einer
demokratischen Gesellschaft ist die Bildung einer sachlich fundierten
Meinung. Die Meinungsbildung lebt vom Gespräch. Eine schwierige Arbeit
für den IAVG wird sein: Diskussion mit Verantwortungsträgern.
Damit sind die Aufgaben des IAVG im Wesentlichen umrissen. Ich möchte
kurz noch etwas zur Entstehung des IAVG mitteilen. Der IAVG hat zwei
Wurzeln.
Im Jahr 1991 fand sich ein kleiner Kreis von Personen zusammen, der über
die Koordinierung von werteorientierten Kräften in unserer Gesellschaft
nachdachte. Er nannte sich "Arbeitskreis Christ im Staat e.V."
(ACiS). ACiS organisierte eine Reihe von Tagungen zu aktuellen Themen
wie Zwei-Reiche-Lehre Luthers, Organisierte Kriminalität in
Deutschland, Der Islam in Deutschland, Was wählt der Christ? Die
Mitglieder von ACiS waren beruflich überlastet, so daß ACiS in einen
mehr lockeren Kreis überführt werden mußte, der nicht von Formalitäten
belastet war und "Arbeitskreis für Verantwortung in der
Gesellschaft" genannt wurde.
Die andere Wurzel bildete sich im Jahr 1997 in Karaganda, Kasachstan.
Viktor Fast, der mich bei Vorträgen an der dortigen Universität übersetzte,
regte an, in der Cafeteria des Musiktheaters in Karaganda eine
Vortragsveranstaltung für Intellektuelle durchzuführen. Als
einladendes Gremium bildeten Diplomingenieur Viktor Fast, Dozent Pawel
Kulikow und Peter Derksen, Geschäftsführer einer Druckerei in
Karaganda, einen "Arbeitskreis für Verantwortung in der
Gesellschaft". Auf Wunsch der Freunde in Karaganda wurde der Kreis
in "Internationaler Arbeitskreis für Verantwortung in der
Gesellschaft" umbenannt, um Verwechslungen mit einer politischen
Partei auszuschließen.
Ein wesentliches Element von IAVG bildet die Nutzung des Internet.
Bisher sind 62 IAVG-Internet-Dokumentationen entstanden, die sich mit
verschiedenen aktuellen Themen befassen, jedermann zugänglich sind und
leicht heruntergeladen werden können. Als Beispiel erwähne ich die von
Professor Trauboth Anfang vorigen Jahres erstellten objektiven
Kurzfassungen der Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien,
die jedem Bürger eine Wahlorientierung ermöglichten. Das Besondere an
den IAVG-Internet-Dokumentationen besteht darin, daß sie auch
Stellungnahmen von Verantwortungsträgern enthalten, die diskutiert
werden. Eine wichtige Aufgabe des Arbeitskreises wird darin bestehen,
diese Dokumentation zu verbessern und auszubauen.
Der IAVG soll nicht nur Arbeit, sondern auch Freude machen, Freude an
Begegnungen, Freude an unserer trotz aller Düsternis interessanten
Gesellschaft, Freude an einer wenn auch geringen Aufhellung von
Verworrenheiten in unserem Land. Außerdem gibt es Ermutigungen, die uns
dankbar machen. Die beiden offenen Briefe an Bundeskanzler Gerhard Schröder,
die wir in diesem Monat in IDEA-Spektrum als Anzeigen veröffentlichten,
brachten eine erfreuliche Resonanz. Bewegend sind Telephonate und
Briefe, die uns erreicht haben und Hoffnung auf orientierende Kräfte in
unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen.
Karlsbad-Langensteinbacherhöhe, den 23. Januar 1999.
(Dr. Hans Penner)